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Bondage Berlin & ich
23. März 2017


Oktober 2016

Meine neue Mitbewohnerin Phoenix zieht ein. Sie hat -- typisch Halbfranzösin -- noch keine Möbel, aber Lust, Musik zu machen. Ich stelle ihr all meine ungenutzten Musikinstrumente auf den Fußboden ins Zimmer und wir drücken im Schneidersitz ein paar Knöpfe, sodass ein Songentwurf entsteht.


November 2016

Von einer Partynacht heimkommend berichtet mir Phoenix, dass sie uns im Rausch einen Auftritt organisiert hat. Sie: »Dann brauchen wir jetzt nur noch ein paar Songs.«

Ich ordne diesen Vorschlag als wortwörtliche Schnapsidee ein. Eine zufällig anwesende Freundin fragt: »Und wie heißt Eure Band?« Nach einem kurzen Brainstorming sind wir uns einig, dass Bondage Berlin kein guter Name ist, weil wir immerhin beide mit Bondage nichts am Hut haben -- aber als Arbeitstitel ist der witzig genug. Wir beschließen, uns irgendwann zu treffen, um weitere Songs zu entwerfen.


Dezember 2016

Phoenix hat uns fest bei dem queer-feministischen Minifestival »Pink
Waves« am 10.3.2017 als Bondage Berlin angemeldet. Wie lang unsere Spielzeit sein wird, steht nicht fest. Wir beschließen, bis dahin zehn Songs zu basteln. Zuerst melden wir uns bei Soundcloud an und entwerfen dafür ein Logo.



Von unseren Proben laden wir zwei Entwürfe hoch.

Fatalities in Space (Demo)



Januar 2017

Wir kommen nur selten zu Proben. Phoenix ist oft in Paris, ich widme mich CCBB und Soloambitionen in Oldenburg.


Februar 2017

Phoenix weist mich darauf hin, dass die Veranstalterin des Mini-Festivals für Promotionszwecke Fotos und einen fertigen Song von uns braucht. Was ziehen wir an? Vom Crossgasher-Kalender habe ich noch eine Wet-Look-Leggins und einen kurzen roten Rock. Phoenix hat eine schwarze Flauschejacke für mich. Dazu setze ich mir einen Cowboyhut auf und schmiere mir Bundeswehr-Tarnfarbe ins Gesicht, Petty macht den Feinschliff. Phoenix ist von der Party in der Nacht zuvor schon perfekt geschminkt.

Wir räumen die Sofas in der Küche beiseite und leuchten die Szenerie mit der Deckenlampe aus. Phoenix Freundin Angel macht die Fotos. Phoenix versucht, mit Helligkeit/Kontrast die Dramatik der Rauhfasertapete zu entschärfen, was nur bedingt gelingt. Ich übe mich in Intoleranz gegenüber der Rauhfasertapete, packe ein Foto aus meiner handgemachten Wolkenbildsammlung in den Hintergrund und drehe an den Reglern herum, bis eine Art Sin-City-Optik entsteht.



In der Zwischenzeit schreibt Phoenix einen Beschreibungstext für uns, sodass die Veranstaltung endlich mit uns werben kann. In diesem Beschreibungstext steht als Herkunftsland »Frankreich«. Je suis une rue.

Luciole (Studioversion)

BONDAGE BERLIN (France) - Blasphemous E-Violin Punk

Bondage Berlin is a electronic punk band spawned by two restless souls cursed with a deeply rooted inability to take the world seriously: Saint Phoenix and Gasher G.14. Their music is a wild patchwork that mixes cynical lyrics with danceable beats, melodic violin parts with noisey sounds... and pretty much everything they can sample and paste on top of that.

They mercilessly take on any theme that bugs them, fragment it, build a tower of the pieces, climb to the top and scream on the top of their lungs... in the language that works best – be it German, French or English.

Saint Phoenix played the e-violin in the Paris-based coldwave band CRIMSON MUDDLE from 2014-2016; Gasher G.14 is singing, playing the e-violin and guitar in his synthpop band CLASH CLASH BANG BANG.


Pink Waves-Event (Achtung: Facebook)


7. März 2017

Wir proben immer noch auf dem Fußboden. Online finde ich eine Anzeige, bei der ein Keyboardständer verkauft wird, der eventuell unseren Ansprüchen gerecht wird. Ich handele den Verkäufer auf 50 Euro herunter und fahre mit dem Rad dort vorbei. Der Keyboardständer ist riesig, aber leicht, sodass ich ihn einfach auf der Schulter balancierend nach Hause tragen kann.

Ausgelegt ist der Keyboardständer für zwei große Keyboards. Wir haben stattdessen viele kleine elektronische Instrumente. Als Unterlage finden wir zwei Bretter -- ein grünes Regalbrett, das von Marie zur Verfügung gestellt wurde, und ein halbrundes Ausklappbrett von einem Tisch. Die wenig fancyge Möbelartigkeit des Letztgenannten kaschieren wir geschickt mit einer pinken Plüschdecke.

Fazit: Es ist sehr angenehm, stehend proben zu können!


10. März 2017

Der große Tag, die Premiere! Wir sind die erste Band beim Soundcheck, sodass wir schon um 17 Uhr vor Ort sein sollen.

Zunächst packen wir alles in Koffer und Beutel, um den Keyboardständer zusammenzuklappen. Petty ist mit am Start und zu dritt bringen wir die Sachen vor die Haustür, wo schon Phoenix' Auto wartet. Zuerst packen wir den Keyboardständer hinein. Zuerst packen wir den Keyboardständer ... zuerst ...

Der Keyboardständer passt nicht ins Auto. Er ist so hoch wie breit wie lang, was dazu führt, dass einfach keine Variante passt. Zum Auftrittsort sind es rund 5 km. Wir disponieren um und packen mit Ausnahme des Keyboardständers alles ins Auto. Phoenix fährt los allein mit dem Auto, Petty und ich nehmen das Tandem. Ich sitze vorn und lenke, sie sitzt hinten und balanciert den Keyboardständer auf der Schulter. Souverän fahren wir am Ordnungsamtauto vorbei.

Das Urban Spree ist auf dem RAW-Gelände, einem Areal, auf dem sehr viele Clubs beheimatet sind. Beim erreichen des Geländes steigen wir ab und schieben, weil wir nicht genau wissen, wo das Urban Spree ist. Mit dem Tandem und dem Keyboardständer werden wir von einem bananenessenden Bartträger gefragt, was denn heute so ginge. Drogen werden uns nicht angeboten, aber er zeigt uns ungefähr die Richtung zum Club.

Phoenix ist gerade angekommen. Ein Tontechniker ist vor Ort, um den Soundcheck zu machen. Wir bauen unser Equipment auf der Bühne auf und stöpseln alles an. Bislang hatten wir mit einem etwa 20cm*15cm*10cm kleinen Lautsprecher in Phoenix' Zimmer geprobt. Nun hören wir, dass unsere Musik Bässe hat -- und zwar nicht wenige. Nach wenigen Minuten bin ich von unserem Sound überzeugt.
Der Tontechniker informiert uns, dass der aus Großbritannien stammende eigentliche Headliner aufgrund eines Streiks nicht nach Berlin kommen kann, sodass wir zum Headliner avancieren.

Trotzdem: Da neben uns noch einige andere Bands spielen sollen, können wir unseren Kram nicht auf der Bühne lassen. Wir räumen alles in den Backstagebereich nach nebenan. Es ist 17.35 Uhr. Spielen sollen wir nach Plan um 2 Uhr.

Wir ziehen los, kaufen Getränke und Nahrung. Phoenix chillt mit ihren Freunden Angel und Speedy backstage, während Petty und ich den Soundcheck der Noise-Bands auf den Innenhof entfliehen, wo wir eine vornehme Falafel speisen. Noise (deutsch: Geräusch) ist eine Musikrichtung, die keine harmonischen, rhythmischen oder melodischen Elemente hat. Es sind Klangflächen aus verschiedenen Rauschelementen. Ich erwische mich bei dem elitären Gedanken, dass bei Noise-Projekten der Soundcheck überflüssig ist.

Nach der Speisung leisten wir den Anderen Gesellschaft. Speedy ist professioneller UV-Farben-Bodypainter. Er nimmt sich unserer an und malt uns einige UV-Licht-Adern auf. Dazu gibt es noch vergleichsweise filigranes Make-Up. Wir schmücken den Keyboardständer mit Puppen und malen diese ebenfalls an. Dazu gibt es eine Einhornlichterkette. Trotzdem: Selbst mit sehr viel Trödelei sind wir mit all diesen Sachen gegen Mitternacht fertig. Was nun?



Ich döse ein bisschen vor mich hin, so gut es im geräuschvollen Backstagebereich geht. Bald leistet dann doch noch der ursprüngliche Headliner Gesellschaft -- über Leipzig haben sie es doch gerade noch geschafft, pünktlich anzukommen. Vielleicht ist das auch besser so ...

Um 2 Uhr sind wir doch noch nicht dran -- aber immerhin hängen wir nur einen Act hinterher. Meinen müden Punkt habe ich mittlerweile überwunden und Petty schlägt vor, den Keyboardständer schon einmal durch die Backstageraumtür zu bugsieren, was uns mit Müh und Not gelingt. Wir warten ab bis die Bühne frei ist und installieren dann unseren Kram. Das Adrenalin nimmt sämtliche Müdigkeit. Trotzdem bleibe ich ruhig und konzentriert -- nur vergesse ich, die E-Geige einzuschalten, was zu einer kleinen Kunstpause im Song führt. Auf der Bühne geht der Klang der Geige im Bass ohnehin unter und ich rate die Töne mehr oder weniger -- später höre ich auf den Videoaufnahmen, dass die Geige im Publikum besser zu hören ist und trotzdem gar nicht so falsch klingt. Glück gehabt!



Das Publikum ist großartig und tanzt schon beim ersten Song. Wir ziehen unsere Show durch und nach den fünf Songs bittet das Publikum tatsächlich um eine Zugabe. Natürlich konnten wir diese Situation von vornherein nicht ausschließen, aber sie schien uns doch unrealistisch genug, dass wir darauf nicht vorbereitet sind. Spontan trommele ich einen kleinen Beat ein und spiele drei Noten dazu. Phoenix stöhnt dazu rhythmisch ins Mikrofon.

Nach dieser Zugabe bringen wir alles wieder in den Backstagebereich, bauen das wieder ab, holen das Tandem wieder und Petty und ich fahren mit dem Keyboardständer wieder zurück. Wann Phoenix aufbricht, weiß nur der begeisterte Peruaner ...
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